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Hauptsache, du funktionierst.

17. Sept.
2 Min. Lesezeit

Ich finde es schon eine bemerkenswerte Konstruktion.. Du stehst morgens auf, gehst arbeiten, gibst einen grossen Teil deiner Zeit und Energie ab und musst am Ende des Monats trotzdem überlegen, ob du dir das Leben leisten kannst.

Das Leben, wohlgemerkt.

Wir reden hier gerade von Lebensmitteln, einer Wohnung und einem Zahnarztbesuch. Die Yacht haben wir vorerst aus dem Warenkorb genommen. Und irgendwie haben wir uns angewöhnt, darüber zu sprechen, als wäre das hauptsächlich eine Frage der persönlichen Organisation. Du musst besser budgetieren. Bewusster einkaufen. Vielleicht ein bisschen mehr arbeiten.

Danke für den Tipp, zwischen Arbeit, Haushalt, Kind und Erschöpfung hatte ich tatsächlich noch sieben Minuten, die ich bisher völlig verantwortungslos zum Sitzen genutzt habe.

Was mich daran wütend macht, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der die Rechnung beim Menschen abgeladen wird. Löhne sind Kosten, die man möglichst tief halten möchte. Bei Mieten, Preisen und Renditen darf es dagegen gerne etwas mehr sein. Jaja. Und irgendwo dazwischen steht jemand im Supermarkt und legt etwas zurück, weil dieselben zwanzig Franken diese Woche schon dreimal gebraucht werden.

Für jeden einzelnen Posten gibt es eine „Erklärung“, eine „Kalkulation“, irgendeinen nachvollziehbaren wirtschaftlichen Grund. Nur dass der Mensch mit seinem Lohn durch den Monat kommen soll, scheint am Ende erstaunlicherweise verhandelbar zu sein.

Dabei sehe ich Menschen, die sich wirklich Mühe geben. Die aufstehen, obwohl sie schlecht geschlafen haben. Die freundlich bleiben müssen, obwohl ihnen zum Heulen ist. Die ihren Kindern sagen, diesen Monat gehe es leider nicht, und dabei schon ausrechnen, ob es nächsten Monat überhaupt anders aussieht. Menschen, die jede Rechnung im Kopf mittragen, auch wenn sie gerade am Tisch sitzen und eigentlich einen schönen Abend haben könnten. Und dann schämen sie sich auch noch. Als wäre ein leerer Kontostand eine Charakterbeschreibung.

Ich kann nicht ganz folgen…

Wie haben wir es geschafft, dass sich jemand fürs Kämpfen schämt, während wir die Bedingungen so bereitwillig hinnehmen?

Sobald jemand sagt, dass er so nicht leben möchte, steht irgendwo schon einer mit dem Satz bereit: «Das Leben ist eben kein Wunschkonzert.» Ja, danke, das haben wir inzwischen bemerkt. Aber zwischen Wunschkonzert und dauerhaftem Existenzdruck wäre eventuell noch Platz für einen ganz normalen Dienstag, an dem eine unerwartete Rechnung keine persönliche Krise auslöst.

Ich finde, wer arbeitet, sollte davon leben können. Mit etwas Luft und mit Zeit, in der der Kopf auch einmal Ruhe gibt. Mit der Möglichkeit, seinem Kind ein Eis zu kaufen, ohne anschliessend die eigene Entscheidung durchzurechnen. Und wer krank wird, Kinder betreut oder gerade keine Arbeit findet, braucht ebenfalls ein Leben, das diesen Namen verdient.

Essen, Wohnen und Würde können doch nicht jeden Monat aufs Neue zur Bewährungsprobe werden.

Vielleicht könnten wir unseren ganzen Stolz auf Leistung und Fortschritt einmal daran messen, wie es den Menschen geht, die diesen Laden täglich am Laufen halten. Denn wenn du nach einem Monat Arbeit vor deinen Rechnungen sitzt und dich fragst, wie du das alles schaffen sollst, dann darf die Frage sehr wohl auch lauten: Was zum Teufel stimmt mit dieser Rechnung nicht?

Leaving WonD3rland 🪞💫

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