Schau nach vorne đź‘€

Diesen Satz höre ich immer wieder.
“Lass die Vergangenheit endlich ruhen.”
“Warum beschäftigst du dich immer mit dem, was früher war?”
Ich verstehe diesen Gedanken…
Aber stell dir vor, du gehst jeden Morgen denselben Waldweg entlang. Immer an derselben Stelle stolperst du. Zuerst ärgerst du dich über dich selbst. Dann gibst du dem Hund die Schuld, weil er genau dort läuft. Deinem Partner, weil er diesen Weg ausgesucht hat. Den Schuhen. Dem Wetter. Irgendetwas wird schon der Grund sein.
Neben dir läuft jemand und sagt: “Hör doch endlich auf, ständig über das Stolpern nachzudenken. Schau nach vorne.”
Also gehst du weiter.
Und stolperst wieder.
Und wieder.
Und wieder.
Eines Tages bleibst du stehen. Zum ersten Mal schaust du nach unten.
Eine dicke Wurzel ragt aus dem Boden.
War dieser Blick wirklich ein Festhalten an der Vergangenheit?
Oder war es der erste Moment, in dem du verstanden hast, warum du seit Jahren immer wieder an derselben Stelle fällst?
Genau hier verwechseln wir oft zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Es gibt Menschen, die neben der Wurzel sitzen bleiben. Sie erzählen ihre Geschichte immer wieder, erleben den Schmerz jedes Mal neu und verlieren sich mit der Zeit darin.
Es gibt Menschen, die die Wurzel einmal anschauen, den Zusammenhang erkennen und ihren Weg fortsetzen.
Mich interessiert die Vergangenheit längst nicht mehr wegen der Geschichte und schon gar nicht als „Schuldzuweisung“.
Mich interessieren die Mechanismen, die sie hinterlassen hat.
Ihr wisst - unser Nervensystem speichert Erfahrungen. Es entwickelt Schutzstrategien. Irgendwann laufen diese automatisch ab. Wir verteidigen uns, ziehen uns zurĂĽck, wollen immer Recht haben, entschuldigen uns fĂĽr alles, kontrollieren, klammern oder gehen auf Distanz.
Und irgendwann sagen wir:
“Ich bin halt so.”
Aber vielleicht sind wir viel seltener “halt so”, als wir glauben.
Vielleicht leben viele Erwachsene Tag für Tag Schutzprogramme, die vor zwanzig oder dreißig Jahren entstanden sind. Das Verrückte daran ist, dass sie sich wie die eigene Persönlichkeit anfühlen. Der Mensch erlebt seine Reaktion als selbstverständlich und merkt oft gar nicht, dass sie automatisch abläuft.
(Und gleichzeitig bleibt die Vergangenheit ständiger Kompass)
Vielleicht diskutieren wir deshalb so oft über den Partner, den Chef, die Schwiegermutter oder den Nachbarn. Wir suchen die Ursache im Außen, während die eigentliche Wurzel schon die ganze Zeit unter unseren Füßen liegt.
An dieser Stelle höre ich oft einen Einwand:
“Wer sich ständig mit der Vergangenheit beschäftigt, wird doch irgendwann depressiv.”
Ich glaube, dass mĂĽssen wir genauer anschauen.
Wer jeden Tag dieselbe Geschichte erneut durchlebt, versetzt sich immer wieder in denselben Zustand. Ja. Wer jedoch den Mechanismus erkennt, gewinnt Abstand. Plötzlich geht es nicht mehr darum, den alten Schmerz festzuhalten. Es geht darum zu verstehen, warum er bis heute Einfluss hat.
Ich muss die Wurzel nicht ausgraben.
Ich muss auch nicht neben ihr wohnen.
Es reicht, sie einmal zu sehen.
Dort hört sie nämlich auf, unbemerkt unsere Gegenwart zu steuern.
Nun… möchte ich dir eine Frage stellen:
Wie viele Eigenschaften, von denen du überzeugt bist, dass sie einfach zu dir gehören, sind tatsächlich freie Entscheidungen?
Und über wie viele Wurzeln stolperst du schon so lange, dass du sie inzwischen für den Weg hältst?
Leaving WonD3rland 🪞💫


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