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WAHRHEIT… oder Flucht?

21. Aug.
3 Min. Lesezeit

Ich bin ein ziemlich direkter Mensch. Das war schon immer so und ist vermutlich nicht immer eine meiner angenehmsten Eigenschaften. Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, sage ich meistens das, was ich tatsächlich denke. Nicht unbedingt das, was in diesem Moment besonders schön klingt.

Aber.. man kann respektvoll sein und trotzdem etwas sagen, das der andere überhaupt nicht gerne hört. Denn manchmal verletzt uns nicht die Art, wie etwas gesagt wurde. Manchmal verletzt uns der Inhalt.

Das Problem mit der Wahrheit.

Wahrheit bedeutet vereinfacht gesagt, dass eine Aussage mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Wenn ich sage, auf meinem Tisch liegt ein roter Apfel und dort liegt tatsächlich ein roter Apfel, haben wir kein großes philosophisches Problem. Schwieriger wird es dort, wo ein Mensch diese Wirklichkeit betrachtet. Denn zwischen dem, was ist, und dem, was ich davon erkenne, liegt meine Wahrnehmung.

Und der Wahrnehmung würde ich nicht blind vertrauen.

Das meine ich durchaus auch auf mich selbst bezogen. Ich weiß, wie schnell ich mir eine Situation erklären kann, oder wie schnell ich glaube zu wissen, warum jemand etwas getan hat oder was hinter einem Verhalten steckt. Und manchmal fühlt sich meine Interpretation so logisch an, dass ich gar nicht mehr bemerke, dass ich aufgehört habe zu beobachten und bereits angefangen habe zu deuten.

Das tun wir alle ständig. Wir verwechseln unsere Interpretation mit dem Geschehen selbst. Denn ein Gefühl kann wahr sein, ohne dass seine Erklärung wahr sein muss. Wenn ich mich abgelehnt fühle, dann ist dieses Gefühl real. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass mich jemand tatsächlich abgelehnt hat.

Wenn mich eine Aussage über mich wütend macht, könnte ich natürlich sofort prüfen, warum der andere so etwas sagt. Ich könnte seine Wortwahl auseinandernehmen, vielleicht seine Motive hinterfragen oder feststellen, dass er mich sowieso nicht richtig kennt.

Vielleicht stimmt das sogar alles. Aber ich könnte mir vorher auch einfach eine unangenehmere Frage stellen:

Was genau daran macht mich gerade so wütend?

Es geht hier nicht darum, ob der andere nett war. Auch nicht, ob ich ihn mag. Nur: Trifft er irgendwo etwas, das ich selbst längst weiß?

Ich finde diese Frage ziemlich brutal. Denn manchmal merken wir sehr schnell, dass wir gerade gar nicht um Wahrheit kämpfen.

Wir kämpfen darum, unser bisheriges Bild von uns selbst behalten zu dürfen. Und das passiert nicht nur bei Kritik. Es passiert überall dort, wo wir emotional stark investiert sind.

Je mehr ich möchte, dass etwas wahr ist, desto vorsichtiger sollte ich eigentlich werden.

Wenn ich unbedingt davon überzeugt sein möchte, dass mein Weg der richtige ist, finde ich erstaunlich viele Beweise dafür. Und wenn ich fünf Jahre meines Lebens in eine bestimmte Überzeugung investiert habe, kostet es mich plötzlich sehr viel mehr, einen Fehler darin überhaupt noch sehen zu wollen.

Das ist menschlich. Aber es ist keine Wahrheitssuche.

Frage dich: Was mache ich, wenn ich auf eine Information stoße, die meiner Überzeugung widerspricht? Werde ich neugierig? Oder beginnt mein Kopf sofort damit, sie zu zerlegen?

Denn wir glauben gerne, dass wir Informationen prüfen. Tatsächlich prüfen wir manchmal zuerst, ob sie für unser bestehendes Weltbild gefährlich sind.

Was mache ich also, wenn ich morgen etwas finde, das einem meiner eigenen Modelle widerspricht?

Ich hoffe, dass ich es aushalte. Denn wenn ich anfangen müsste, Informationen passend zu machen, nur damit das erhalten bleibt, was ich bereits geschrieben habe, hätte ich aufgehört, nach Wahrheit zu suchen. Dann würde ich nur noch mein eigenes Gebäude verteidigen.

Jetzt die Testfrage an dich:

Was darf die Wahrheit bei dir kosten?

Darf sie dich eine Meinung kosten? Darf sie dich dazu bringen, einen Fehler zuzugeben? Darf sie ein Bild zerstören, das du jahrelang von einem Menschen hattest?

Und die unangenehmste Variante: Darf sie auch etwas zerstören, das du an dir selbst besonders gerne glaubst?

Leaving WonD3rland 🪞💫

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