top of page

DAS ZENTRUM 🕋

20. Mai
2 Min. Lesezeit

Ich musste heute plötzlich an die Kaaba denken. Und je länger ich dieses Bild im Kopf hatte, desto seltsamer fand ich es eigentlich. Wenn man sich religiöse Orte auf der Welt anschaut, dann wirken sie meistens riesig, detailreich und fast überwältigend. Überall Kuppeln, Ornamente, goldene Elemente, Türme und unglaublich aufwendige Architektur, die Ehrfurcht erzeugen soll. Und dann steht dort im Zentrum des Islams einfach dieser schwarze Würfel. Das hat mich beschäftigt. Warum ausgerechnet ein Würfel? Warum wirkt ausgerechnet diese simple Form auf so viele Menschen so mächtig?

Ich glaube, die meisten unterschätzen völlig, wie stark Formen auf unser Nervensystem wirken. Jeder kennt das eigentlich. Ein alter Steinbau fühlt sich anders an als ein modernes Bürogebäude. Ein Wald macht etwas anderes mit einem als ein Einkaufszentrum. Selbst in Wohnungen merkt man sofort, ob ein Raum ruhig wirkt oder irgendwie Druck erzeugt, obwohl man oft gar nicht genau sagen kann, weshalb. Unser Körper liest Räume die ganze Zeit mit. Linien, Winkel, Enge, Höhe, Wiederholung, Licht, Bewegungsfluss. Das läuft permanent im Hintergrund.

Deshalb wurde dieser Würfel für mich plötzlich interessant. Ein Würfel wirkt stabil, geschlossen und fast unbeweglich. Wie ein fixer Punkt, um den sich alles andere ordnet. Während runde Formen oft etwas Weiches oder Fliessendes haben, entsteht bei einem schwarzen Kubus eher das Gefühl von Verdichtung und Kontrolle. Vielleicht reagiert der Mensch genau deshalb so stark darauf. Weil es körperlich ist.

Und dann schaut man sich an, was dort eigentlich passiert. Millionen Menschen bewegen sich seit Jahrhunderten kreisförmig um dieses Zentrum, emotional aufgeladen, vollkommen fokussiert und synchronisiert in ihrer Aufmerksamkeit. Irgendwann merkt man, dass dieses Bild viel grösser ist als Religion allein, weil wir Menschen uns ständig synchronisieren. Überall.

Man sieht es bei Konzerten, wenn plötzlich tausende Menschen gleichzeitig dieselbe Stimmung fühlen und sich wie ein einziger Organismus bewegen. Man sieht es bei Social Media, wenn eine Emotion innerhalb weniger Stunden ganze Menschenmengen erfasst. Selbst Angst funktioniert so. Einer rennt los und plötzlich rennen alle, obwohl die meisten gar nicht wissen warum.

Das Interessante daran ist, wie schnell unser Nervensystem sich an andere Felder koppelt. Man kommt entspannt in einen Raum und verlässt ihn innerlich angespannt. Man verbringt genug Zeit mit bestimmten Menschen und übernimmt plötzlich ihre Sprache, ihre Sichtweise oder sogar ihre Stimmung. Das passiert oft völlig unbewusst. Aufmerksamkeit verbindet.

Dort wurde die Kaaba für mich plötzlich fast wie ein Symbol für etwas viel Grundsätzlicheres. Der Mensch sucht ständig nach Zentren, um die er kreisen kann, weil viele sich innerlich kaum noch selbst halten können. Manche kreisen um Beziehungen, andere um Geld, Anerkennung, Politik, Spiritualität oder die Meinung anderer Menschen. Die Bewegung bleibt oft dieselbe. Aufmerksamkeit fliesst immer wieder nach aussen und koppelt sich an etwas, das Orientierung geben soll.

Nun stelle ich mir eine andere Frage.

Wie viele Dinge in unserem Leben sind längst zu Zentren geworden, um die sich unsere Aufmerksamkeit Tag für Tag bewegt, während wir glauben, vollkommen frei zu entscheiden?

Leaving WonD3rland 🪞💫

Kommentare


bottom of page