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Ein Volk, mehrere Länder

2. Juni
2 Min. Lesezeit

1912 war Albanien endlich unabhängig.

Nach Jahrhunderten fremder Herrschaft existierte zum ersten Mal ein eigener albanischer Staat. Für viele Menschen schien damit ein Traum in Erfüllung zu gehen. Doch die Freude hatte einen Haken. Denn obwohl nun ein albanischer Staat existierte, befanden sich noch längst nicht alle Albaner innerhalb seiner Grenzen.

Viele Familien lebten im Kosovo.

Andere in den Gebieten des heutigen Nordmazedoniens.

Wieder andere in Montenegro oder Griechenland.

Die Menschen hatten sich nicht bewegt. Ihre Häuser standen noch dort, wo sie immer gestanden hatten. Ihre Dörfer waren dieselben. Ihre Familien waren dieselben.

Verändert hatte sich lediglich die Karte. Und manchmal reicht genau das aus, um die Geschichte einer Region für Generationen zu prägen.

Während viele Europäer ihre Nationalität heute als Selbstverständlichkeit betrachten, war die Frage der Zugehörigkeit auf dem Balkan oft deutlich komplizierter. Wer gehört wohin? Wer entscheidet darüber? Und weshalb darf eine Linie auf einer Karte bestimmen, wer plötzlich zu welchem Staat gehört?

Diese Fragen begleiteten den Balkan durch das gesamte 20. Jahrhundert.

Kriege kamen.

Regierungen kamen.

Regierungen verschwanden wieder.

Neue Staaten entstanden.

Alte Staaten zerfielen.

Und trotzdem blieb dieselbe Diskussion bestehen.

Vielleicht erklärt das auch einen Teil des albanischen Nationalstolzes.

Wer über Generationen erlebt, dass Grenzen veränderbar sind, hält oft umso stärker an dem fest, was dahinter liegt.

Heute, mehr als hundert Jahre nach der Unabhängigkeit, steht Albanien erneut vor Fragen, die erstaunlich vertraut wirken.

Diesmal geht es nicht um neue Grenzen.

Diesmal geht es um Land.

Um Investitionen.

Um die Zukunft eines Landes, das immer stärker ins Interesse internationaler Akteure rückt.

Besonders sichtbar wurde das rund um die Insel Sazan bei Vlora. Dort wurde ein milliardenschweres Luxusprojekt genehmigt, das aus einem ehemaligen Militärgebiet eine exklusive Tourismusdestination machen soll.

Hinter dem Projekt steht die Firma von Jared Kushner.

Der Name sagt vielen Menschen zunächst wenig.

Bis sie erfahren, dass Jared Kushner der Schwiegersohn von Donald Trump ist.

Donald Trump gilt seit Jahren als enger Verbündeter Israels. Während seiner ersten Amtszeit verlegte seine Regierung die US-Botschaft nach Jerusalem und pflegte enge Beziehungen zur israelischen Regierung.

Wenn nun ausgerechnet der Schwiegersohn eines US-Präsidenten in eines der größten Tourismusprojekte Albaniens investiert, beginnen viele Menschen Fragen zu stellen.

Zufall?

Geschäft?

Politik?

Geopolitik?

Oder von allem ein wenig?

Eine eindeutige Antwort gibt es darauf bislang nicht.

Sicher ist lediglich, dass Albanien längst kein unbedeutender Fleck auf der Landkarte mehr ist.

Die Adriaküste gehört zu den attraktivsten Regionen Europas. Tourismus wächst rasant, internationale Investoren entdecken das Land und immer mehr Geld fließt in Projekte, die vor wenigen Jahrzehnten kaum denkbar gewesen wären. Und genau hier schließt sich für mich der Kreis zu der Geschichte, die wir gerade betrachtet haben.

Vor hundert Jahren diskutierten Großmächte darüber, wo die Grenzen Albaniens verlaufen sollten.

Heute verlaufen die Grenzen noch immer an derselben Stelle.

Die Frage hat sich trotzdem verändert.

Sie lautet nicht mehr:

„Wo endet Albanien?“

Sondern:

„Wem gehört Albanien?“

Den Menschen, die dort leben?

Den Regierungen, die gewählt werden?

Den Investoren, die Milliarden investieren?

Oder jenen Netzwerken, die weit außerhalb des Balkans ihre Entscheidungen treffen?

Vielleicht erklärt genau das, weshalb Fragen nach Heimat, Herkunft und Identität für viele Albaner bis heute eine so große Rolle spielen. Denn wer die eigene Geschichte kennt, erkennt oft schneller, dass sich die Akteure verändern können, während die grundlegenden Fragen dieselben bleiben…

Leaving WonD3rland 🪞💫

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