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RAUM

17. Aug.
3 Min. Lesezeit

Wenn Menschen zu mir nach Hause kommen, die mich schon länger kennen, stellen sie mir erstaunlich häufig dieselbe Frage:

„Hast du wieder umgestellt?“

Und die Antwort lautet meistens: Ja. 😂

Ich habe diese Frage inzwischen so oft gehört, dass ich irgendwann angefangen habe, sie mir selbst zu stellen.

Warum eigentlich?

Warum verändere ich ständig die Räume um mich herum?

Natürlich landete ich zuerst dort, wo man bei solchen Fragen ziemlich schnell landet: in der Psychologie. Und dort findet man auch eine plausible Erklärung. Menschen verändern ihre Umgebung häufig in Phasen, in denen sie selbst Veränderung brauchen. Möbel werden verschoben, Dinge aussortiert, Wände gestrichen. Die äußere Neuordnung kann sich wie ein kleiner Neuanfang anfühlen. Wir verändern etwas, das wir unmittelbar beeinflussen können, und erleben dadurch Bewegung.

Klang logisch.

Damit war die Sache für mich eigentlich gegessen.

Ich hatte meine Antwort.

Zumindest dachte ich das.

Denn irgendwann fiel mir etwas anderes auf.

Ich habe zu Hause ein kleines Büro, das ich sehr mag. Und bevor ich dort anfange zu arbeiten, mache ich fast immer dasselbe.

Ich räume auf.

Wenn ich an umfangreichen Texten arbeite, liegen dort zwangsläufig irgendwann Bücher, Notizen, Ausdrucke, Kabel, Stifte und gefühlt tausend Blätter herum. Während der Arbeit stört mich das nicht einmal besonders. Aber bevor ich am nächsten Tag wieder anfange, muss es weg.

Erst dann setze ich mich hin.

Lange hätte ich darauf wahrscheinlich eine ziemlich einfache Antwort gegeben: Ich kann eben besser arbeiten, wenn es ordentlich ist. Aber genau genommen tue ich dabei etwas viel Interessanteres.

Ich ordne zuerst die Struktur, in der mein Erleben gleich stattfinden wird.

Ich entferne Dinge aus meinem Wahrnehmungsfeld, die meine Aufmerksamkeit beanspruchen könnten. Ich reduziere Reize, bevor sie überhaupt zu einer bewussten Ablenkung werden. Ich verändere meinen Raum - und damit die Bedingungen, unter denen mein Gehirn in den nächsten Stunden arbeiten wird.

Das Spannende daran ist: Ich habe das nie bewusst beschlossen.

Mein Körper - beziehungsweise mein Gehirn - scheint längst verstanden zu haben, was für mich funktioniert, und ich führe es einfach aus. Und tatsächlich ist dieser Effekt gar nicht so mysteriös.

Unser Gehirn besitzt keine unbegrenzte Aufmerksamkeit. In jedem Augenblick treffen wesentlich mehr visuelle Informationen auf uns, als wir bewusst verarbeiten können. Deshalb muss unser Wahrnehmungssystem fortlaufend auswählen, gewichten und ausblenden.

Was ist wichtig?

Was kann ignoriert werden?

Wohin soll die Aufmerksamkeit als Nächstes springen?

Ein Gegenstand muss dabei nicht einmal bewusst betrachtet werden, um Teil dieses Konkurrenzkampfes zu sein. Visuelle Reize innerhalb unserer Umgebung werden registriert und bewertet. Je mehr davon gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit konkurriert, desto mehr muss unser Gehirn sortieren.

Deshalb kann visuelle Unordnung Konzentration erschweren. Untersuchungen zur visuellen Aufmerksamkeit zeigen, dass mehrere gleichzeitig vorhandene Reize miteinander um neuronale Verarbeitung „konkurrieren“ können. Was wir landläufig als „zu viel Zeug um mich herum“ bezeichnen, ist für unser Wahrnehmungssystem tatsächlich zusätzliche Information.

Wenn ich also mein Büro aufräume, beseitige ich nicht einfach Unordnung.

Ich reduziere konkurrierende Information.

Plötzlich musste ich wieder an meine Möbel denken. Denn wir Menschen verändern Räume die ganze Zeit, häufig ohne groß darüber nachzudenken.

Wir betreten ein Restaurant und wissen schnell, an welchem Tisch wir lieber sitzen würden. Wir wählen einen Platz am Fenster oder einen mit dem Rücken zur Wand. Wir schließen eine Tür, wenn wir konzentriert sein wollen. Wir ziehen die Vorhänge auf und ein Zimmer wirkt größer.

Wir behandeln Raum gerne wie eine leere Bühne, auf der unser Leben stattfindet. Doch vielleicht ist die Bühne sehr viel stärker an unserem Erleben beteiligt, als wir glauben.

Vielleicht ist er ein Teil dessen, was geschieht.

Leaving WonD3rland 🪞💫

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