SHAPESHIFTER

Im Internet erzählen immer mehr Menschen, sie seien einem sogenannten Shapeshifter begegnet. Manchmal soll sich für wenige Sekunden das Gesicht verändert haben. Die Haut bekam eine andere Struktur oder der ganze Ausdruck war auf einmal „nicht mehr menschlich“.
Unter solchen Berichten dauert es meistens nicht lange, bis jemand schreibt: „Das sind Wesen ohne Seele.“ Andere sprechen von Reptilien, Bots oder Menschen, die nur eine Rolle innerhalb dieser Welt spielen. Aber was wurde dort wirklich gesehen?
Nehmen wir zuerst einmal an, ein menschlicher Körper würde sich tatsächlich verwandeln. Dann müsste sich innerhalb weniger Sekunden sehr viel verändern. Knochen müssten ihre Form wechseln, Muskeln müssten sich neu anordnen, die Haut müsste sich ausdehnen oder zusammenziehen und auch Blutgefässe und Nerven müssten sich sofort anpassen. Ein Körper kann sich verändern. Er wächst, heilt, altert und erneuert sich ständig. Doch all das braucht Zeit.
Eine vollständige körperliche Verwandlung innerhalb weniger Sekunden wäre unter den Bedingungen, die wir kennen, kaum möglich. Dafür müsste Materie unglaublich schnell umgebaut werden. Es würde sehr viel Energie benötigen und der Körper müsste dabei gleichzeitig funktionsfähig bleiben.
Wenn sich also wirklich etwas vor unseren Augen verändert, muss es nicht unbedingt der Körper selbst sein.
Vielleicht verändert sich nur das Bild, das bei uns ankommt?
Wir sehen die Welt durch Licht.
Das Licht trifft auf einen Menschen, wird von ihm zurückgeworfen und erreicht unsere Augen. Erst danach baut unser Gehirn daraus ein Bild.
Wir sehen also niemals einen Menschen direkt. Wir sehen eine Verarbeitung von Informationen. Und diese Verarbeitung kann beeinflusst werden: durch Licht, Schatten, Bewegung, Angst, Müdigkeit, Erwartungen oder einen sehr kurzen Wechsel in der Mimik.
Das bedeutet nicht, dass wir uns alles nur einbilden. Es bedeutet zuerst einmal, dass Wahrnehmung viel empfindlicher ist, als wir denken.
Auch Kameras zeigen nicht immer das, was wirklich vor ihnen steht. Besonders bei schlechter Beleuchtung oder schnellen Bewegungen muss eine Kamera fehlende Bildinformationen ergänzen. Das Gesicht wird dabei kurz verzogen, ein Auge erscheint ungewöhnlich oder die Haut bekommt eine seltsame Struktur.
Wenn ein solches Bild im richtigen Moment angehalten wird, sieht es tatsächlich erschreckend aus.
Heute kommen Filter, künstlich erzeugte Videos und nachträgliche Bearbeitungen dazu. Ein merkwürdiges Einzelbild ist deshalb noch kein Beweis für eine körperliche Verwandlung. Trotzdem bleibt die Frage interessant. Denn nicht jeder Mensch, der von einer solchen Begegnung erzählt, hat ein Video gesehen. Manche berichten von einem direkten Erlebnis.
Wir können ihnen natürlich sagen, dass sie sich getäuscht haben. Wir können aber auch sagen: Ich weiss nicht, was du gesehen hast.
Wahrscheinlich wäre das die ehrlichste Antwort.
Ähnlich ist es mit den sogenannten Bots. Damit sind meistens Menschen gemeint, die vollkommen automatisch wirken. Sie wiederholen dieselben Sätze und scheinen eine festgelegte Funktion zu erfüllen. Man begegnet ihnen manchmal genau im richtigen Moment und hat das Gefühl: Diese Person gehört zur Bühne.
Dieses Gefühl kenne ich auch. Trotzdem weiss ich nicht, was dieser Mensch wirklich ist.
Vielleicht erkenne ich ein Muster, oder mir fällt auf, dass seine Worte und sein Verhalten nicht zusammenpassen. So wird aus einem Menschen, den wir nicht verstehen, sehr schnell ein „Bot“. Und aus einem kalten Blick wird ein Wesen ohne Seele. Damit haben wir zwar eine Erklärung gefunden, aber noch lange keine Wahrheit.
Das bedeutet nicht, dass es keine Shapeshifter geben kann.
Vielleicht ist eine Form von Verwandlung möglich, die wir noch nicht verstehen.
Vielleicht gibt es Ebenen dieser Realität, über die wir noch viel zu wenig wissen. Doch selbst wenn wir etwas Aussergewöhnliches beobachten, bleibt ein wichtiger Unterschied bestehen: Die Beobachtung kann echt sein, während unsere Erklärung dafür trotzdem falsch ist.
Leaving WonD3rland 🪞💫





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