top of page

Wo sind wir eigentlich gelandet?

6. Juli
3 Min. Lesezeit

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einer Freundin unterhalten. Irgendwann sagte sie, dass sie auswandern möchte, sobald es möglich ist, weil sie mit diesem System einfach nicht mehr klarkommt. Irgendwie konnte ich das sofort nachvollziehen. Mir geht es oft ähnlich. Gleichzeitig weiß ich natürlich auch, dass wir hier unglaublich vieles haben. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, dass mir etwas fehlt. Es ist gar nicht das System selbst, das mich müde macht. Es sind die Menschen darin.

Ich erzählte ihr von einer Begegnung, die eigentlich völlig belanglos war, aber mich trotzdem bis heute beschäftigt. Beim Einkaufen war mein Papiersack gerissen. Also kaufte ich einen neuen, packte alles um und knüllte den kaputten Sack zusammen. Bevor ich ging, fragte ich die Verkäuferin ganz höflich, ob ich ihn ihr zum Entsorgen geben dürfe. Sie schaute mich an und sagte nur: „Wir sind hier keine Müllhalde.“

Ich weiß noch, wie ich sie in diesem Moment einfach nur ansah. Es ging doch überhaupt nicht um einen Papiersack. Es ging um eine Kleinigkeit. Um zehn Gramm Papier. Um einen Menschen, der einen anderen Menschen um einen winzigen Gefallen bat. Stattdessen wurde daraus plötzlich ein Prinzip. Eine Grenze. Eine Diskussion. Ich nahm ihr den Sack wieder aus der Hand und hörte mich sagen: „Wo sind wir eigentlich gelandet?“

Auf der Heimfahrt ließ mich diese Begegnung einfach nicht los. Es war nicht ihre Aussage allein. Es war dieses Gefühl dahinter. Dieses Gefühl, dass wir aus jeder Kleinigkeit etwas machen müssen. Dass überall Regeln wichtiger geworden sind als Menschen. Dass Freundlichkeit inzwischen fast schon überrascht, weil man sie gar nicht mehr erwartet.

Als ich meiner Freundin die Geschichte erzählt hatte, sagte ich am Ende nur einen Satz: „Mir fehlt einfach das Menschliche.“

Sie musste lachen.

Ich weiß bis heute nicht, warum mich dieses Lachen so getroffen hat. Vielleicht, weil ich dachte, sie würde mir zustimmen. Stattdessen sah sie mich an und sagte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

„Elmira… bist du dir eigentlich sicher, dass das nicht genau das Menschliche ist?“

„Schau uns doch einmal an. Wir lügen. Wir betrügen. Wir verletzen Menschen, die wir lieben. Wir führen Kriege. Wir kämpfen seit Jahrtausenden gegeneinander. Vielleicht wartest du auf etwas, das der Mensch nie gewesen ist.“

Nun frage ich mich immer wieder, ob wir das System manchmal zu einem Sündenbock machen, obwohl es am Ende nur ein Spiegel von uns selbst ist. Wir sprechen oft davon, wie unmenschlich unsere Gesellschaft geworden sei. Aber vielleicht war sie nie anders. Vielleicht hoffen wir einfach, dass der Mensch besser ist, als er sich bisher gezeigt hat.

Denn sobald ich aus dem Fenster schaue, sehe ich etwas Ähnliches auch in der Natur. Eine Katze jagt eine Maus. Ein Fuchs reißt ein Kaninchen. Ein Vogel holt sich einen Wurm. Leben entsteht aus Leben und endet durch Leben. Alles scheint sich gegenseitig zu fressen, zu verdrängen oder um Raum zu kämpfen. Vielleicht ist dieser Kampf viel älter als jede Zivilisation.

Und trotzdem gibt es etwas, das mich daran zweifeln lässt.

Wenn all das wirklich unsere Natur wäre, warum leiden dann so viele Menschen genau darunter? Warum berührt es uns, wenn jemand gedemütigt wird? Warum fühlen wir Traurigkeit, wenn wir Ungerechtigkeit sehen? Warum sehnen wir uns nach Mitgefühl, wenn Egoismus angeblich so natürlich sein soll?

Vielleicht tragen wir beides in uns. Vielleicht ist genau das der eigentliche Mensch. Die Fähigkeit, zu zerstören, und gleichzeitig die Sehnsucht, zu heilen. Die Fähigkeit, grausam zu sein, und gleichzeitig unter Grausamkeit zu leiden.

Seit diesem Gespräch frage ich mich deshalb gar nicht mehr, was mit der Menschheit los ist. Viel spannender finde ich inzwischen eine andere Frage.

Vielleicht waren wir schon immer genau so. Und vielleicht besteht unsere eigentliche Aufgabe gar nicht darin, den Menschen zu verändern, sondern jeden Tag aufs Neue zu entscheiden, welcher Teil von ihm durch uns ein Stück mehr Platz bekommt.

Leaving WonD3rland 🪞💫

Kommentare


bottom of page