Bist du ZU LIEB?

Ich kenne wirklich nicht viele von ihnen. Eigentlich sogar erschreckend wenige. Trotzdem begegnen sie mir hin und wieder.
Sie tun einem etwas Gutes, ohne dass man jemals darum gebeten hat. Es wirkt weder aufgesetzt noch wie der Versuch, sich wichtig zu machen oder gebraucht zu werden. Es ist vielmehr dieses Gefühl, dass ihr Herz noch sehr nah an ihrem Handeln liegt.
Wenn ich ihnen irgendwann sage, wie sehr mich genau diese Eigenschaft berührt hat, bekomme ich erstaunlich oft dieselbe Antwort.
„Ich bin leider einfach zu lieb.“
Aber wieso „leider“?
Warum sagen ausgerechnet die Menschen, die so viel Wärme ausstrahlen, so etwas über sich selbst?
Zuerst dachte ich, sie würden ihre Freundlichkeit bereuen. Heute glaube ich, dass sie etwas ganz anderes meinen.
Sie denken an die Menschen, die ihre Hilfsbereitschaft irgendwann als selbstverständlich angesehen haben. Oder an Beziehungen, in denen sie immer Verständnis hatten. An Situationen, in denen sie sich selbst zurückgenommen haben, damit es den anderen gut geht. Irgendwann entsteht daraus der Gedanke, dass das eigene große Herz „der Fehler“ gewesen sein muss.
Ich glaube jedoch, dass wir hier zwei Dinge miteinander verwechseln.
Ein großes Herz war noch nie das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo ein Mensch vergessen hat, dass auch er selbst zu den Menschen gehört, für die er Verantwortung trägt.
Viele liebe Menschen haben nie gelernt, dass Grenzen nichts mit Lieblosigkeit zu tun haben. Sie fühlen sich verantwortlich für die Stimmung anderer oder möchten niemanden enttäuschen. Von außen sieht das wie Freundlichkeit aus. Aber im Inneren ist es häufig Selbstaufgabe.
Denn Liebe schenkt aus Freiheit. Selbstaufgabe schenkt aus Angst.
Diese Erkenntnis kam auch bei mir nicht über Nacht.
Über viele Jahre habe ich den Kindern aus unserer Umgebung zu Ostern kleine Nester vorbereitet. An Nikolaus gab es Säckchen. Ich organisierte Campingwochenenden, Ausflüge ins Kino, ins Schwimmbad oder in Freizeitparks. Das alles hat mir unglaublich viel Freude gemacht.
Mit der Zeit veränderte sich etwas.
Die Überraschung wurde langsam selbstverständlich.
Niemand hatte etwas falsch gemacht. Kein Kind hatte etwas verlangt. Trotzdem bemerkte ich irgendwann, dass manche Kinder sich weniger über das Osternest freuten, als darüber enttäuscht gewesen wären, wenn es einmal keines gegeben hätte.
Ich glaube, unser Gehirn funktioniert einfach so.
Es gewöhnt sich an das Schöne.
Aus einer Überraschung wird Gewohnheit. Aus einem Geschenk wird Alltag. Aus etwas Besonderem entsteht irgendwann eine Erwartung.
Vor zwei Tagen musste ich plötzlich wieder daran denken.
Eine Freundin rief mich an, als ich gerade mit dem Auto unterwegs war. Ich hatte Zeit und nahm den Anruf entgegen. Noch bevor wir richtig ins Gespräch kamen, bedankte sie sich dafür, dass ich überhaupt ans Telefon gegangen war. Als wir später auflegten, bedankte sie sich noch einmal. Dieses Mal für meine Zeit.
Ich weiß noch, dass mich das im ersten Moment überrascht hat. Aber eigentlich ist Zeit das Wertvollste, was wir einem anderen Menschen schenken können. Jede Minute, die wir jemandem widmen, verschwindet für immer aus unserem eigenen Leben. Trotzdem bedanken wir uns viel häufiger für Dinge als für Zeit.
Wie oft bedanken wir uns eigentlich bei den Menschen, die immer für uns da sind?
Wie oft sagen wir unseren Eltern, unserem Partner, einer guten Freundin oder einem guten Freund, dass wir es überhaupt nicht selbstverständlich finden, dass sie zuhören, ans Telefon gehen oder an uns denken?
Genau deshalb glaube ich inzwischen auch, dass viele Menschen gar nicht „zu lieb“ sind.
Sie haben nur vergessen, ihr großes Herz zu beschützen. Denn ein Herz braucht keine Mauern.
Es braucht Grenzen.
Grenzen sorgen nicht dafür, dass wir weniger lieben. Sie sorgen dafür, dass Liebe freiwillig bleibt.
Ein Mensch mit einem großen Herzen schenkt aus Freude.
Ein Mensch ohne Grenzen schenkt irgendwann aus Pflicht. Und zwischen diesen beiden Dingen liegen Welten.
Leaving WonD3rland 🪞💫





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