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Komm her. Geh weg.

2. Sept.
6 Min. Lesezeit

KOMM HER. GEH WEG.

Manche Menschen verlassen dich nicht wirklich. Sie stossen dich nur weit genug von sich weg, damit du beginnst, um ihre Nähe zu kämpfen. Und sobald sie spüren, dass du dich innerlich lösen könntest, holen sie dich wieder zurück.

Plötzlich ist alles gut. Die Person sucht deine Nähe, öffnet sich, zeigt Wärme und lässt dich für einen Moment glauben, dass ihr endlich an dem Punkt angekommen seid, auf den du so lange gewartet hast.

Du entspannst dich, dein Körper fährt herunter und die Fragen in deinem Kopf werden leiser, weil du glaubst, die „schwierige Phase“ sei nun vorbei. Dann verändert sich etwas.

Die Wärme wird weniger, Antworten werden kälter und du spürst eine Distanz, die niemand offen ausspricht.

Du fragst dich, ob du etwas Falsches gesagt hast, gehst die letzten Gespräche noch einmal durch und beginnst, auf kleinste Veränderungen zu achten.

Je weniger du verstehst, desto stärker richtet sich deine Aufmerksamkeit auf diesen Menschen, denn dein System will nicht nur die Nähe zurück… es will vor allem eine Erklärung für ihren plötzlichen Verlust.

Die Technik dieses Musters

In der Psychologie spricht man von intermittierender Verstärkung. Gemeint ist damit eine Belohnung, die nicht zuverlässig erfolgt, sondern unvorhersehbar auftaucht.

Das Entscheidende ist nicht allein, dass etwas Schönes geschieht, sondern dass du nie genau weisst, wann es wieder geschehen wird.

Eine verlässliche Verbindung beruhigt sich mit der Zeit, weil dein System gelernt hat, dass sie auch morgen noch da sein wird.

Eine unberechenbare Verbindung bindet dagegen einen grossen Teil deiner Aufmerksamkeit, weil dein Gehirn ständig versucht, das Muster hinter der nächsten Belohnung zu erkennen. Das Prinzip ist einfach.

Wenn jedes Drücken eines Knopfes zuverlässig eine Belohnung auslöst, verliert der Vorgang irgendwann seinen Reiz. Wenn die Belohnung jedoch nur manchmal erscheint, entsteht Hoffnung bei jedem neuen Versuch, und genau diese Ungewissheit sorgt dafür, dass wir länger weitermachen.

Wir glauben, die richtige Handlung müsse nur noch gefunden werden, weil es zwischendurch ja bereits funktioniert hat.

In Beziehungen drücken wir natürlich keine sichtbaren Knöpfe. Wir werden verständnisvoller, erklären uns ausführlicher und schlucken Dinge herunter, die wir früher angesprochen hätten. Wir verändern unsere Sprache, beobachten die Stimmung des anderen und versuchen herauszufinden, welche Version von uns diesmal wieder Nähe auslösen könnte.

Mit der Zeit richten wir unser Verhalten immer stärker an der Reaktion des anderen aus, ohne zu bemerken, wie weit wir uns dabei von uns selbst entfernen. Die warme Phase ist dabei nicht einfach eine schöne Unterbrechung des Problems… sie ist der Teil, der das gesamte Muster am Leben hält. Ohne sie gäbe es irgendwann keinen Grund mehr zu bleiben.

Erst sie liefert den Beweis, dass der Mensch auch anders sein kann, dass die Verbindung eigentlich existiert und dass wir sie wieder erreichen könnten, wenn wir nur verstehen, weshalb sie immer wieder verschwindet.

Dadurch beginnen wir, zwei verschiedene Versionen eines Menschen voneinander zu trennen.

Die liebevolle Version betrachten wir als seinen wahren Kern, während wir die kalte Version mit Stress, Angst, seiner Vergangenheit oder unserem eigenen Verhalten erklären. Wir sagen uns, dass er eigentlich wunderbar sei, wenn nicht immer wieder etwas dazwischenkäme.

Dabei übersehen wir, dass beide Seiten Teil derselben Beziehung sind und dass ein Mensch nicht nur daran gemessen werden kann, wie liebevoll er während der guten Phasen ist, sondern auch daran, was er mit uns macht, sobald Nähe schwierig wird.

Besonders tief greift dieses Muster, weil der Körper die Rückkehr der Wärme nicht nur als Freude erlebt. Er erlebt es als Ende einer Belastung. Während des Rückzugs steigt die innere Spannung. Wir grübeln, schlafen schlechter und warten auf ein Zeichen, das uns bestätigt, dass die Verbindung noch besteht.

Das nennen wir Liebe.

Leaving WonD3rland 🪞💫

… Doch manchmal ist das überwältigende Gefühl bei der Versöhnung nicht das Mass der Liebe… es ist das Mass der Angst, die unmittelbar davor erzeugt wurde.

Je länger wir im Ungewissen gehalten wurden, desto stärker kann sich die anschliessende Nähe anfühlen.

Die Person muss uns dafür nicht einmal mehr geben als zu Beginn, denn irgendwann reicht bereits eine normale Nachricht, ein freundlicher Blick oder ein Abend ohne Streit, um in uns eine enorme Erleichterung auszulösen.

Damit verschiebt sich langsam unser innerer Massstab. Was früher selbstverständlich war, wird plötzlich zu etwas Besonderem. Respekt wirkt wie ein Geschenk, Verlässlichkeit wie eine seltene Ausnahme und ein ruhiger Tag wie der Beweis, dass sich alles zum Guten gewendet hat. Wir verlangen immer weniger von der Beziehung, empfinden dieses Wenige aber immer stärker, weil es nach einer Phase des Entzugs kommt.

Deshalb können solche Verbindungen von aussen vollkommen unverständlich wirken. Freunde sehen, wie schlecht es uns geht, und fragen, weshalb wir nicht einfach gehen.

Sie sehen die kalten Phasen, während wir die Erinnerung an die warme Version des Menschen in uns tragen.

Wir leben nicht nur mit dem, was gerade geschieht, sondern mit der Erwartung dessen, was jederzeit wiederkommen könnte.

Der Mensch wird dadurch nicht an die vorhandene Beziehung gebunden, sondern an ihr mögliches nächstes Hoch.

Dieses Komm-her-geh-weg kann offen stattfinden, indem jemand die Beziehung beendet und wenige Tage später wieder Nähe sucht. Häufiger geschieht es viel feiner. Ein Mensch zieht sich nach besonders innigen Momenten zurück, wird unerreichbar, sobald du Sicherheit brauchst, und sucht genau dann wieder Kontakt, wenn du dich mit seinem Abstand abgefunden hast.

Er gibt dir genug Nähe, damit du bleibst, aber nie genug Sicherheit, damit du zur Ruhe kommst.

Nicht jeder Mensch tut das bewusst. Manche haben selbst gelernt, dass Nähe mit Unsicherheit verbunden ist, und erleben stabile Beziehungen deshalb nicht als beruhigend, sondern als bedrohlich oder sogar leer.

Sobald eine Verbindung tiefer wird, entsteht in ihnen der Impuls, Abstand herzustellen. Wenn der andere sich daraufhin tatsächlich entfernt, wird wiederum ihre Verlustangst aktiviert und sie suchen erneut Nähe.

Zwei Nervensysteme beginnen aufeinander zu reagieren, wobei das eine flieht, sobald es Verbindung spürt, während das andere umso stärker hinterherläuft, je mehr Distanz entsteht.

Das erklärt die Dynamik, entschuldigt aber nicht jede Wirkung. Denn es spielt für deine innere Zerstörung irgendwann keine Rolle mehr, ob ein Mensch dich bewusst kontrolliert oder sein eigenes Muster nicht erkennt.

Wenn du ständig in Alarmbereitschaft gehalten wirst, dich selbst verlierst und dein Wertgefühl davon abhängig wird, ob er dich heute hineinlässt oder draussen stehen lässt, dann ist die Wirkung real.

Verständnis darf uns helfen, ein Verhalten einzuordnen, es darf uns jedoch nicht dazu zwingen, uns diesem Verhalten endlos auszusetzen.

Manchmal wird diese Bindung als Traumabindung bezeichnet.

Der Begriff sollte nicht für jede schwierige oder wechselhafte Beziehung verwendet werden, denn nicht jedes Nähe-Distanz-Problem ist automatisch Missbrauch. Gefährlich wird es dort, wo Angst, Abwertung oder emotionaler Entzug regelmässig mit intensiver Zuwendung abgewechselt werden und genau dieser Wechsel dafür sorgt, dass sich der betroffene Mensch immer stärker bindet, obwohl es ihm zunehmend schlechter geht.

Das deutlichste Zeichen ist deshalb nicht, wie schön sich die Nähe anfühlt, wenn sie wieder da ist. Die wichtigere Frage lautet, was mit dir in der Zeit dazwischen geschieht.

Kannst du du selbst bleiben, wenn dieser Mensch Abstand braucht, oder beginnt dein gesamtes System sofort, nach dem Fehler zu suchen? Darfst du Bedürfnisse äussern, ohne anschliessend mit Kälte rechnen zu müssen? Fühlst du dich in der Verbindung grundsätzlich sicher, oder besteht eure stärkste Nähe immer aus Versöhnungen nach Situationen, die dich zuvor verletzt haben?

Eine gesunde Beziehung kann ebenfalls Konflikte, Rückzug und schwierige Phasen enthalten. Der Unterschied liegt darin, dass Nähe nicht als Machtmittel benutzt wird.

Du musst dir den Zugang zum anderen nicht durch Selbstverleugnung verdienen, und du wirst nicht immer wieder in Unsicherheit versetzt, damit die anschliessende Rückkehr grösser wirkt. Ein verlässlicher Mensch kann Abstand brauchen, ohne deine Bedeutung infrage zu stellen.

Vielleicht beginnen solche Muster bereits früh, wenn ein Kind lernt, dass es durch Rückzug Aufmerksamkeit erzeugen kann, während ein anderes lernt, um Zugehörigkeit kämpfen zu müssen. Später begegnen sich dieselben inneren Programme in erwachsenen Körpern wieder. Der eine Mensch entzieht Nähe, um sich sicher oder mächtig zu fühlen, während der andere immer mehr gibt, damit die Verbindung nicht erneut verschwindet.

So können aus frühen Erfahrungen tatsächlich kranke Beziehungsmuster entstehen, wenn sie niemand erkennt und unterbricht.

Nicht jeder Mensch, der so handelt, wird zwangsläufig zu einem „kranken Erwachsenen“, und nicht jeder Mensch, der dieses Muster erlebt hat, wird ihm für immer ausgeliefert bleiben. Aber was wir oft genug wiederholen, kann sich irgendwann vertraut anfühlen, und Vertrautheit wird von unserem System erschreckend leicht mit Liebe verwechselt.

Der Ausstieg beginnt deshalb nicht erst mit einer Trennung. Er beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, die Intensität einer Rückkehr mit der Qualität einer Verbindung zu verwechseln. Wenn wir nicht mehr fragen, wie wunderschön ein Mensch sein kann, nachdem er uns fast verloren hat, sondern wie sicher wir uns fühlen dürfen, solange er uns hat.

Denn Liebe zeigt sich nicht darin, wie leidenschaftlich jemand dich zurückholt. Sie zeigt sich darin, dass er dich nicht ständig wegstossen muss, um deinen Wert für sich spüren zu können.

Leaving WonD3rland 🪞💫

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