Einsam 😔

Wir sprechen viel darüber, wie wichtig es sei, alleine glücklich zu sein. Man soll sich selbst genügen und sein Glück nicht von anderen abhängig machen.
Dazu kommt diese Vorstellung, Menschen müssen durch schwere Zeiten gehen, um stark zu werden. Wer sich alleine aus einem Loch gezogen hat, weiss danach, dass er es schaffen kann.
Auch zu mir wurde schon gesagt: Wenn du es alleine schaffst, kann dir das niemand mehr wegnehmen. Klar.
Aber weshalb muss ich es alleine machen?
Wenn wir sehen, dass jemand kämpft, weshalb erzählen wir ihm dann, wie stark ihn dieser Kampf eines Tages machen wird? Weshalb reichen wir ihm nicht einfach die Hand?
Es wirkt manchmal fast so, als hätten wir aus Leid eine Art Prüfung gemacht. Wer sie alleine besteht, bekommt am Ende das Prädikat „stark“. Wer jemanden braucht, muss offenbar noch etwas lernen.
Dabei könnte man dieselbe Situation vollkommen anders betrachten. Ein Mensch kämpft sich alleine durch eine schwere Zeit und kommt irgendwann wieder auf die Beine. Wir sehen seine Stärke.
Was wir kaum sehen, sind die Nächte, in denen niemand da war. Die Momente, in denen er sich jemanden gewünscht hätte, der einen Teil der Last übernimmt.
Ja, dieser Mensch hat es alleine geschafft. Aber was genau beweist das? Dass er niemanden gebraucht hätte? Oder lediglich, dass niemand gekommen ist?
Je stärker ein Mensch wirkt, desto weniger wird manchmal gefragt, ob er überhaupt noch Kraft hat. Man hört dann: Du schaffst das schon.
Natürlich schaffe ich das. Aber die schönere Frage wäre gewesen:
Musst du es gerade wirklich alleine schaffen?
Ich glaube, Einsamkeit beginnt viel früher als bei einem Menschen, der alleine in einer Wohnung sitzt. Denn Nähe entsteht nicht automatisch dadurch, dass jemand körperlich neben uns sitzt. Nähe entsteht dort, wo ein Teil von dem, was in uns passiert, einen anderen Menschen tatsächlich erreicht.
Und vielleicht ist Zugehörigkeit das Gefühl, das daraus entsteht. Da sind Menschen, zu denen ich gehöre. Menschen, denen auffallen würde, wenn ich plötzlich still werde. Bei denen ich nicht erst eine gute Erklärung dafür brauche, weshalb ich gerade Hilfe benötige. Menschen, vor denen ich nicht leistungsfähig, vernünftig oder stark auftreten muss, damit ich meinen Platz behalte.
Wenn man Zugehörigkeit so betrachtet, versteht man plötzlich auch, weshalb Einsamkeit so weh tun kann.
Der Mensch hat den grössten Teil seiner Geschichte in Gruppen überlebt. Unser heutiges Leben sieht völlig anders aus, aber unser Bedürfnis nach Bindung ist dadurch nicht einfach verschwunden.
Und trotzdem haben wir eine merkwürdige Bewunderung für den Menschen entwickelt, der niemanden braucht. Ich frage mich inzwischen, ob wir Unabhängigkeit und innere Stärke irgendwann miteinander verwechselt haben.
Deshalb glaube ich Menschen sofort, wenn sie sagen, dass sie gerne alleine sind. Das bin ich auch. Alleinsein kann herrlich sein, wenn man weiss, dass man jederzeit zurückkehren kann.
Gewählte Distanz fühlt sich vollkommen anders an als fehlende Zugehörigkeit. Ein Mensch kann drei Tage niemanden sehen und sich tief verbunden fühlen. Ein anderer kann jeden Abend neben jemandem einschlafen und sich verlassen fühlen.
Damit bekommt auch dieser Satz, man müsse erst einmal lernen, alleine glücklich zu sein, für mich einen anderen Klang. Natürlich möchte ich mit mir selbst sein können. Aber seit wann besteht menschliche Entwicklung darin, niemanden mehr zu brauchen?
Denn womöglich ist das Gegenteil von Einsamkeit gar nicht Gesellschaft. Es ist Zugehörigkeit.
Dieses tiefe Wissen, dass irgendwo auf dieser Welt ein Mensch existiert, bei dem ich nicht erst beweisen muss, dass meine Last schwer genug ist, damit er mir tragen hilft.
Und damit lande ich wieder bei der bedingungslosen Liebe. Bei diesem Raum, in dem jeder sein darf und nichts muss.
Nur sehe ich inzwischen noch etwas Anderes. Manchmal braucht ein Mensch diesen Raum nicht, um darin alleine glücklich zu werden. Manchmal braucht er einfach jemanden, der sich zu ihm setzt.
Leaving WonD3rland 🪞💫





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