DER HASS GEGEN GEIMPFTE

„Mach doch einfach, dann ist endlich Ruhe.“
Daniel hörte diesen Satz zum ersten Mal an einem Sonntag bei seinen Eltern am Küchentisch. Seine Mutter stand am Herd, sein Vater scrollte durchs Handy und im Fernseher lief irgendein Bericht mit roten Zahlen, Intensivstationen.
„Ich verstehe einfach nicht, warum du so stur bist“, sagte sein Vater irgendwann.
Daniel wollte zuerst noch normal antworten. Ruhig.. Erwachsen.. So wie Menschen eben reden, wenn sie sich eigentlich mögen.
„Ich hab einfach kein gutes Gefühl dabei.“
Mehr sagte er gar nicht.
Seine Mutter wurde still. Sein Vater genervt. Seine Schwester fragte ein paar Wochen später, ob sie mit den Kindern lieber erstmal Abstand halten sollten. Freunde begannen Diskussionen, die sich jedes Mal gleich anfühlten. Erst kam Sorge. Dann Druck. Dann Moral.
Irgendwann hatte Daniel das Gefühl, als würde seine ganze Persönlichkeit nur noch aus einer einzigen Entscheidung bestehen.
Ungeimpft.
Dabei wollte er niemanden überzeugen. Er lief nicht mit Schildern herum und er machte keine Videos. Er hatte einfach ein ungutes Gefühl und wollte selbst entscheiden dürfen, was mit seinem Körper passiert. Aber genau das wurde in dieser Zeit für manche Menschen fast schon verdächtig.
Und je länger alles dauerte, desto härter wurden die Gespräche.
„Menschen wie du sind schuld.“
Diesen Satz hörte Daniel öfter, als er jemals erwartet hätte.
Von Menschen, die er liebte.
Irgendwann ging er seltener zu Familienessen, weil er müde wurde. Müde davon, sich ständig erklären zu müssen. Müde davon, bei jedem Gespräch zu spüren, dass andere innerlich längst entschieden hatten, wer vernünftig war und wer nicht.
Das Ding ist.. Fast alle hatten Angst.
Seine Mutter hatte Angst, dass ihm etwas passiert. Sein Vater hatte Angst vor Kontrollverlust. Seine Schwester hatte Angst um ihre Kinder. Die Menschen vor dem Fernseher hatten Angst vor den Menschen ohne Fernseher. Und die Menschen ohne Fernseher entwickelten irgendwann Angst vor allen anderen.
Niemand bemerkte mehr, wie schnell Angst Menschen verändert.
Wie schnell aus Unsicherheit Härte wird.
Wie schnell man beginnt, andere innerlich abzuwerten, nur damit die eigene Entscheidung sich richtiger anfühlt.
Dann ging die Zeit vorbei.
Die Masken verschwanden. Die Schlagzeilen wurden leiser. Die Menschen machten weiter wie vorher. Zumindest nach aussen. Aber manche Dinge verschwinden nicht einfach wieder.
Jahre später sass Daniel erneut mit seiner Familie am Tisch. Sein Vater sprach plötzlich über Herzprobleme. Seine Mutter wirkte erschöpfter als früher. Eine Bekannte seiner Schwester kämpfte mit Autoimmunthemen. Und während diese Gespräche liefen, bemerkte Daniel etwas in sich selbst, das ihn erschreckte.
Dieses kleine Gefühl von Genugtuung.
Dieses dunkle „Vielleicht hatte ich doch recht.“
Er sagte nichts. Aber allein dass dieses Gefühl da war, traf ihn härter als alles andere. Denn plötzlich verstand er etwas.
Menschen verändern sich nicht automatisch zum Besseren, nur weil sie irgendwann vielleicht recht hatten. Denn mittlerweile sieht man überall denselben Hass wieder auftauchen. Nur mit vertauschten Rollen.
Jetzt lachen Menschen über Geimpfte. Jetzt kommen Kommentare wie: „Selber schuld.“ „Geschieht euch recht.“
Aber..
Wenn wir heute beginnen, andere genauso zu entmenschlichen wie damals… dann haben wir überhaupt nichts verstanden. Dann wollten viele vielleicht nie wirklich Freiheit.
Vielleicht wollten sie einfach nur irgendwann selbst auf der Gewinnerseite stehen.
Das ist der Teil, über den kaum jemand spricht.
Denn Hass fühlt sich kurzfristig oft wie Stärke an. Vor allem dann, wenn man selbst verletzt wurde. Wenn man ausgeschlossen, verspottet oder unter Druck gesetzt wurde. Aber ungelöster Schmerz macht Menschen nicht automatisch bewusster. Oft macht er sie nur härter.
Vielleicht war Corona ein Spiegel dafür, wie schnell Menschen bereit sind, einander fallen zu lassen, sobald Angst gross genug wird.
Das Virus ist längst verschwunden.
Der Mechanismus dahinter nicht.
Leaving WonD3rland 🪞💫





Kommentare