Freundschaft, Zugehörigkeit oder Abhängigkeit?

Wie oft erleben wir einen schönen Moment tatsächlich für uns selbst?
Ich meine damit den Augenblick, bevor das Handy in die Hand genommen wird. Den Moment, in dem wir automatisch überlegen, wem wir davon erzählen, wem wir das Foto schicken oder mit wem wir dieses Erlebnis teilen möchten. Manchmal scheint ein Moment kaum entstanden zu sein, bevor ein Teil unserer Aufmerksamkeit bereits nach außen wandert.
Ich begann, dieses Verhalten zu beobachten. Im Alltag, aber auch im Urlaub. Plötzlich fiel mir auf, wie selten Menschen einen Augenblick einfach nur erleben. Fast alles wird unmittelbar nach außen getragen, als würde ein Erlebnis erst dann an Bedeutung gewinnen, wenn es von jemand anderem gesehen oder bestätigt wird.
Warum eigentlich?
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Über Jahrtausende bedeutete Zugehörigkeit Schutz, Ausgrenzung dagegen erhöhte das Risiko, zu sterben. Unser Nervensystem hat dieses Programm tief gespeichert. Es reagiert bis heute auf Gemeinschaft mit Sicherheit und auf Ablehnung mit Stress. Das erklärt, weshalb Zugehörigkeit für uns eine so große Rolle spielt.
Doch was geschieht, wenn dieses uralte Überlebensprogramm unbemerkt beginnt, unsere Identität zu formen?
Je länger ich Menschen beobachte, desto häufiger entsteht in mir der Eindruck, dass viele gar nicht wissen, wer sie ohne ihre Gruppen wären. Sie definieren sich über ihre Szene. Jede dieser Zugehörigkeiten vermittelt Orientierung und gibt das Gefühl, einen festen Platz in der Welt zu haben.
Irgendwann geschieht jedoch etwas.
Die Gruppe liefert nicht mehr nur Gemeinschaft. Sie beantwortet zunehmend die Frage, wer wir sind. Kritik an der Gruppe fühlt sich plötzlich wie Kritik an der eigenen Person an und andere Meinungen werden als Angriff erlebt. Menschen verteidigen Überzeugungen mit einer Intensität, als hinge ihr eigenes Leben davon ab.
Was bleibt von unserer Identität übrig, wenn all diese Zugehörigkeiten für einen Moment verschwinden?
Wer bist Du, wenn niemand mehr Deinen Beruf oder deine Meinung kennt und niemand Dich einer bestimmten Gruppe zuordnet?
Viele Menschen verbringen ihr gesamtes Leben auf der Suche nach sich selbst und merken dabei kaum, dass sie sich fast ausschließlich über andere definieren.
Suchen wir nach Freundschaft.. oder nach Beruhigung?
Denn echte Freundschaft fühlt sich leicht an. Sie verlangt keine ständige Bestätigung und sie zerbricht nicht, weil eine Nachricht unbeantwortet bleibt. Sie erzeugt keine Unruhe, sobald für einige Stunden Stille entsteht.
Abhängigkeit verhält sich anders.
Sie sucht Rückmeldungen und sie braucht Aufmerksamkeit. Sie möchte gesehen werden und die Verbindung aufrecht erhalten, weil sie sich ohne diese Verbindung unvollständig fühlt.
Vielleicht erklärt das auch, weshalb manche Menschen kaum allein sein können.
Alleinsein und Einsamkeit werden häufig als dasselbe verstanden, obwohl sie vollkommen unterschiedliche Erfahrungen beschreiben. Alleinsein bedeutet lediglich, dass gerade niemand neben uns sitzt. Einsamkeit entsteht dort, wo wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben.
Deshalb kann ein Mensch mitten unter Freunden eine tiefe Leere empfinden, während ein anderer stundenlang allein durch einen Wald läuft und sich vollkommen verbunden fühlt.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob wir manchmal das Falsche suchen.
Wir glauben, wir suchen Freunde… Liebe… eine Gemeinschaft. Dabei suchen viele Menschen vor allem jemanden, der ihnen das Gefühl gibt, dazuzugehören.
Der schnellste Weg herauszufinden, wonach ein Mensch tatsächlich sucht, besteht darin, ihm für eine Weile jede Möglichkeit zur Ablenkung zu nehmen. Dann zeigt sich erstaunlich schnell, was das Nervensystem vermisst.
Manche greifen sofort zum Handy. Andere brauchen ein Gespräch, Alkohol, Sport, soziale Medien oder die nächste Beziehung. Wieder andere halten diese Stille aus und entdecken etwas, das in unserer lauten Welt selten geworden ist.
Sich selbst. ❤️
Leaving WonD3rland 🪞💫





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