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VERZAUBERUNG 🪄🔮

17. Juni
2 Min. Lesezeit

Thomas war kein Mensch, der sich leicht beeinflussen ließ. Er hatte seine Meinung, seine Gewohnheiten und seinen eigenen Kopf. Dann lernte er Lara kennen. Am Anfang freuten sich alle für ihn. Die beiden wirkten verliebt. Mit der Zeit begannen sich jedoch Kleinigkeiten zu verändern. Freunde bemerkten, dass Thomas plötzlich Ansichten vertrat, die früher nie zu ihm gepasst hätten. Hobbys verschwanden. Menschen, die ihm wichtig gewesen waren, wurden seltener gesehen. Entscheidungen, die er früher hinterfragt hätte, akzeptierte er plötzlich ohne Widerstand.

Irgendwann fielen die ersten Bemerkungen: „Sie hat ihn komplett verzaubert.“ „Er ist wie ausgewechselt.“ „Früher war er ganz anders.“ „Sie hat ihn völlig um den Finger gewickelt.“

Thomas selbst bemerkte davon nichts. Für ihn fühlte sich alles richtig an. Erst Jahre später begann er sich zu fragen, was die anderen damals eigentlich gemeint hatten.

Das Wort Verzauberung begegnet uns erstaunlich oft. Menschen sagen: „Ich war wie verzaubert.“ „Ich war wie in Trance.“ „Ich habe alles durch die rosarote Brille gesehen.“ „Ich war völlig geblendet.“ „Ich habe die Warnzeichen einfach nicht gesehen.“

Interessanterweise werden diese Sätze fast immer erst im Nachhinein ausgesprochen. Während der Verzauberung nennt man es Liebe, Hoffnung, Vertrauen oder Glauben.

Was genau meinen Menschen eigentlich, wenn sie sagen, sie seien verzaubert gewesen?

Je länger ich über dieses Wort nachdachte, desto weniger begegnete ich Hexen. Dafür immer mehr Menschen.

Das Merkwürdige ist, dass sich die Realität während einer Verzauberung kaum verändert. Thomas sah Lara. Seine Freunde sahen dieselbe Frau. Seine Schwester ebenfalls. Alle blickten auf dieselbe Situation und kamen trotzdem zu völlig unterschiedlichen Schlüssen.

Irgendetwas musste also passiert sein.

Wunsch trifft Möglichkeit

Thomas wollte geliebt werden. Das ist nichts Außergewöhnliches. Fast jeder Mensch kennt diesen Wunsch. In dem Moment jedoch, in dem eine Sehnsucht einen festen Platz in unserem Inneren bekommt, beginnt sie die Art zu beeinflussen, wie wir die Welt betrachten. Plötzlich wirken manche Dinge bedeutender als zuvor. Andere verlieren an Gewicht. Aus Warnsignalen werden Missverständnisse und aus Zweifeln werden Ausnahmen. Aus Bauchgefühlen werden Überreaktionen.

Verzauberung greift selten dort, wo nichts vorhanden ist. Sie verbindet sich mit Hoffnungen, Sehnsüchten, Ängsten und Bedürfnissen, die bereits da sind. Der Verliebte sucht Nähe. Der Anleger träumt vom großen Durchbruch. Der Gläubige sucht Antworten. Jeder von ihnen blickt auf dieselbe Realität wie alle anderen. Trotzdem scheint ein Teil der Aufmerksamkeit immer wieder zu dem zu wandern, was die innere Geschichte bestätigt.

Liebeszauber gehören zu den ältesten Vorstellungen der Menschheit. Bis heute gibt es Menschen, die dafür bezahlen. Sie möchten begehrt werden. Geliebt und gesehen werden. Sie hoffen, die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen in ihre Richtung lenken zu können.

Aber was genau soll dabei verzaubert werden?

Die andere Person?

Oder ihre Wahrnehmung?

Denn wenn Verzauberung tatsächlich funktioniert, dann vermutlich dort, wo bereits etwas vorhanden ist. Vielleicht eine Sehnsucht, oder eine Hoffnung. Eine Leere. Ein Wunsch.

Die Macht eines Zaubers liegt weder in Kerzen noch in Ritualen. Sie entsteht in dem Moment, in dem Aufmerksamkeit an eine Bedeutung gekoppelt wird. Von dort ist es oft nur ein kleiner Schritt, bis aus einer Möglichkeit eine Überzeugung und aus einer Überzeugung eine Geschichte wird, die wir irgendwann für die Wahrheit halten.

Leaving WonD3rland 🪞💫

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