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Warum kann ich nicht loslassen?

20. Juni
3 Min. Lesezeit

Vielleicht kennst du jemanden, der immer wieder zu einem Menschen zurückkehrt, obwohl ihm diese Beziehung mehr Schmerz als Frieden bringt. Vielleicht hast du selbst schon einmal vor dem Handy gesessen, auf eine Nachricht gewartet, Gespräche hundertmal im Kopf wiederholt und dich gefragt, weshalb das Loslassen so schwer fällt.

Wenn etwas so viel Leid verursacht, weshalb hält man daran fest?

Die meisten Menschen suchen die Antwort bei der Liebe. Aber das ist nicht Liebe. Es beginnt bei Bindung - bei Hoffnung - und bei einem Nervensystem, das gelernt hat, Schmerz und Nähe gleichzeitig zu erleben.

Ein Trauma Bond entsteht durch den Wechsel zwischen Schmerz und Erleichterung, zwischen Distanz und Nähe, zwischen Ablehnung und Zuwendung.

Würde uns ein Mensch vom ersten Tag an verletzen, würden wir wahrscheinlich gehen. Würde er uns vom ersten Tag an Sicherheit geben, würde Vertrauen wachsen. Die größte Verwirrung entsteht dort, wo beides miteinander verschmilzt.

An einem Tag fühlt sich alles leicht und richtig an. Ein liebevoller Blick, ein tiefes Gespräch oder eine Umarmung lassen die Welt wieder in Ordnung erscheinen. Kurz darauf folgt Schweigen, Rückzug oder Streit. Die Verbindung fühlt sich plötzlich unsicher an. Das Nervensystem beginnt, auf diese Schwankungen zu reagieren. Es wartet auf den nächsten guten Moment, auf die nächste Entschuldigung, auf die nächste Phase, in der sich alles wieder richtig anfühlt.

Mit der Zeit, entsteht die Bindung immer weniger durch die Person selbst. Sie entsteht durch die Suche nach dem nächsten Augenblick der Erleichterung.

Viele Menschen glauben deshalb, sie würden einen bestimmten Menschen vermissen. Häufig vermissen sie das Gefühl, das dieser Mensch ausgelöst hat. Die Vorstellung, endlich gesehen zu werden. Den Traum, dass sich all die Mühe eines Tages auszahlt und der Schmerz endlich verschwindet.

Das Gehirn reagiert besonders stark auf unvorhersehbare Belohnungen. Ein Glücksspielautomat funktioniert nach demselben Prinzip. Niemand würde stundenlang weiterspielen, wenn er jedes Mal verliert. Menschen bleiben sitzen, weil gelegentlich ein Gewinn erscheint. Nicht oft oder zuverlässig. Gerade häufig genug, um die Hoffnung am Leben zu halten.

In Beziehungen kann dieselbe Dynamik entstehen. Nach Tagen voller Unsicherheit kommt plötzlich wieder Nähe. Nach einer Phase voller Zweifel folgt eine Entschuldigung oder ein Versprechen. Das Nervensystem speichert diese Momente ab und beginnt, nach ihnen zu suchen.

Deshalb sagen viele Menschen irgendwann einen Satz: „Ich weiß, dass es mir nicht guttut. Aber ich kann nicht loslassen.“

Dieser Satz beschreibt einen Konflikt zwischen Verstand und Nervensystem. Der Verstand erkennt zwar die Realität, aber das Nervensystem wartet noch immer auf die Belohnung, auf die Erleichterung.. oder auf den Moment, in dem endlich alles gut wird.

Besonders stark kann dieser Mechanismus werden, wenn ähnliche Erfahrungen bereits in der Kindheit vorhanden waren. Ein Kind kann sich seine Bezugspersonen nicht aussuchen. Wenn Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Liebe unberechenbar waren, lernt das Nervensystem etwas über Bindung. Es lernt, dass Nähe nicht selbstverständlich ist und dass Liebe mit Anstrengung verbunden ist. Es lernt, dass Hoffnung wichtiger erscheint als Ruhe.

Jahre später begegnet dieses Nervensystem einem Menschen, der dieselbe Dynamik aktiviert. Die Verbindung fühlt sich sofort vertraut an. Viele beschreiben dieses Gefühl als Schicksal oder als außergewöhnliche Seelenverbindung. Tatsächlich erkennt das Nervensystem oft lediglich etwas wieder, das ihm bereits bekannt ist.

Der schwierigste Teil beginnt häufig erst dann, wenn die Beziehung endet.

Die meisten Menschen erwarten in diesem Moment Erleichterung. Stattdessen erleben viele eine tiefe Leere. Plötzlich gibt es niemanden mehr, auf dessen Nachricht man wartet. Niemanden mehr, dessen Verhalten analysiert wird. Und auch Niemanden mehr, dessen Nähe und Distanz den inneren Zustand bestimmen.

Die Suche verschwindet.

Leaving WonD3rland 🪞💫

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